Samstag, 23. Juli 2011

Von den Gefahren der Recherche


Viele Leute denken, es gebe nichts Beschaulicheres und vielleicht auch Langweiligeres als das Leben eines Autors. »Sitzt den ganzen Tag im Lehnstuhl, vielleicht bei einem Pfeifchen, und hat einmal im Jahr eine Idee, die er zu einem Roman aufbläst und damit einen Haufen Geld scheffelt.«

Davon einmal abgesehen, dass ich Nichtraucher bin (wenn auch kein militanter, wie es in Deutschland Mode zu sein scheint), und überdies davon abgesehen, dass »eine Idee« allenfalls der Beginn monatelanger harter Arbeit ist (ganz zu schweigen von dem »gescheffelten Geld«, um das ich jede Putzfrau beneide), ist das Planen eines Romans und seine Niederschrift nur ein Teil der Arbeit eines Autors. Ein anderer Teil heißt: Recherche!

Recherche hat viele Gesichter: Einiges kann man sicherlich beschaulich im Lehnstuhl recherchieren, in guten Büchern (meine Bibliothek umfasst ca. 3 000 Bände) und bei dem ein oder anderen Sherry. (Zu viele Sherrys können sich allerdings negativ auswirken.) Dann gibt es natürlich das Internet, unschätzbar und mittlerweile auch unverzichtbar, doch voller Fußangeln und Falltüren. Denn wenn man alles für bare Münze nimmt, was man dort liest, ist man, wie man in Süddeutschland so schön sagt, »verratzt«. Das Telefon sollte man auch nicht unterschätzen; der Arzt-Freund ist nur ein paar Tastendrücke entfernt: »Kannst du mir kurz mal sagen, wie lange ein erwachsener Mann in einem luftdicht abgeschlossenen Sarg überleben kann?« Oder: »Wie lange ist ein in Salzwasser liegender abgeschnittener Kopf noch identifizierbar?« Die üblichen Fragen eben, die einen Autor täglich plagen und die, dem Falschen gestellt, einen in hochnotpeinliche Situationen bringen können.

Aber die richtige Recherche, die aufwändigste und teuerste, ist es, sich ins Auto zu setzen (oder in den Zug oder gar ins Flugzeug – das rechnet sich allerdings nur bei absehbaren Megasellern) und kurz mal dorthin zu düsen, wo der Roman spielt, um alles mit eigenen Augen (und oft genug auch mit eigener Nase) zu erleben und mit eigenen Beinen zu erwandern. Denn keine noch so gute Landkarte, kein noch so guter Reiseführer mit Stadtplan, nicht einmal »Google Earth« ersetzt die eigene Anschauung und »Tuchfühlung«.

Im vergangenen April habe ich selbiges getan (mich ins Auto gesetzt) und bin in die »Axarquía« gefahren, eine sehr bergige Gegend östlich von Málaga mit einer bewegten Geschichte (Maurenkriege). Der Anlass dazu war die Fertigstellung meines Romans »Das Geheimnis der Sklavin«. (Erscheint demnächst bei Marterpfahl, bitte diesen Blog verfolgen – danke!) Ich kenne die Axarquía eigentlich ganz gut, aber ich fand, es sei besser, noch mal einige Details zu überprüfen. Damit Sie sich selbst ein Bild von der Gegend machen können, hier zwei Fotos:




Der Termin hat auch tatsächlich noch zu einigen Korrekturen am Manuskript geführt – Recherche lohnt sich immer! Doch es hat nicht viel gefehlt und ich hätte diese Korrekturen nicht mehr vornehmen können, und das kam so:

Da ich bereits in der Nähe war, beschloss ich, das Dörfchen Sayalonga zu besuchen, das im Roman lediglich erwähnt wird. (Der Schauplatz von »Das Geheimnis der Sklavin« ist eine Villa in atemberaubender Lage zwischen der Küste und Sayalonga.) Sayalonga ist eines jener weißen Bergdörfer, die aus der Entfernung so wunderhübsch aussehen, die jedoch aus einem Labyrinth von Gassen bestehen, das dem Minotaurus graue Haare verschafft hätte. Nach einem Parkplatz braucht man in so einem Ort gar nicht erst zu suchen, weshalb ich den Wagen etwas oberhalb stehen ließ und mich, unerschrocken wie ich manchmal zu sein pflege, zu Fuß in das Labyrinth wagte.

Stellen Sie sich eine Straße vor, bestehend aus rissigem Beton, vielleicht dreieinhalb Meter breit und in einem Winkel von mindestens 30 Grad abwärts führend. Die linke Seite ist zugeparkt; die Autos stehen Stoßstange an Stoßstange. Wie da jemand heraus- oder hineinkommt, entzieht sich meiner Vorstellungskraft. Ich gehe also nichts ahnend diese Straße hinab, passiere weiß gekalkte Häuser mit winzigen Fenstern, Tante-Emma-Läden und eine von zahllosen Baustellen (die Axarquía ist – immer noch oder wieder – »in Mode«) sowie einen weißen PKW, der auf der rechten Seite in waghalsigem Winkel geparkt ist, mit einem Rad auf einem großen Stein, der wohl verhindern sollte, dass auch dieser Platz zugeparkt wird – vergeblich. Der Finesse verzweifelter spanischer Parkplatzsucher ist kaum eine Grenze gesetzt.

Das heißt – dem Fahrer dieses Wagens, der nirgends zu sehen war, würden Sekunden später bereits seine Grenzen aufgezeigt werden. Ich hatte noch keine weiteren fünf Meter zurückgelegt, als ich hinter mir einen Schlag hörte – es klang wie das Zuschlagen einer Autotür. Dann ein rollendes Geräusch – sparte da jemand Benzin? Da ich ein vorsichtiger Mensch bin und die Straße, wie erwähnt, wegen der links parkenden Autos sehr schmal war, wandte ich den Kopf. Vom Fahrer war immer noch nichts zu sehen, aber der Wagen fuhr – das Geräusch war nämlich nicht durch die Tür, sondern durch die Handbremse entstanden, die dem mörderischen Zug nachgegeben und sich gelöst hatte. Hätten die Räder einigermaßen gerade gestanden, wäre der Wagen auf mich zugerollt und ich hätte in diesem Augenblick, ehrlich gesagt, nicht gewusst, wohin ich hätte ausweichen sollen. So ungefähr wie Indiana Jones, der von der rollenden Kugel verfolgt wird, aber wohl nicht mit so glimpflichem Ausgang. Zum Glück waren die Räder nach links eingeschlagen, so dass der Wagen in diese Richtung fuhr. Bereits nach den paar Metern Spielraum, die ihm blieben, hatte er dank des Gefälles eine so hohe Geschwindigkeit erreicht, dass er mit lautem Krachen in die Beifahrertür eines der geparkten Wagen donnerte. Jede Wette, der Eigentümer würde in Zukunft mit der Wahl seiner Parkplätze vorsichtiger sein ...

Und was mache ich? Richtig: Ich gehe, mit eingezogenem Kopf den plötzlich hochinteressanten Boden bewundernd, weiter und biege in die nächste Seitengasse ein. Nicht dass jemand auf die Idee kommt, ich hätte damit was zu tun ... Doch die Strafe folgt dieser hasenherzigen Tat auf dem Fuß: Ich verirre mich völlig in dem Gassengewirr und finde erst eine Stunde später erschöpft und verschwitzt (südspanischer Nachmittag!) zu meinem Auto zurück. Die nächste Recherche werde ich wieder im Lehnstuhl machen.

Damit die ganze Mühe nicht vergebens war, hier noch zwei Fotos von Sayalonga:




Bis zum nächsten Mal – dann voraussichtlich mit einer Leseprobe aus »Das Geheimnis der Sklavin«!

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