Donnerstag, 7. April 2011

Leseprobe »Der Narrenturm: SM-Thriller«

Nachdem auf den Blogeintrag mit der Leseprobe für meinen neuesten Roman »Sklavenjagd« rege zugegriffen wird, dachte ich mir, der eine oder andere interessiere sich vielleicht für Leseproben meiner beiden 2009 erschienenen (aber immer noch lieferbaren) ersten Romane. Hier also ein Auszug aus dem Roman »Der Narrenturm«; es handelt sich um die nur leicht gekürzte Hälfte des ersten Kapitels.

(Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Marterpfahl-Verlags.)

Die Leseprobe für »S & M Dreams Inc.« folgt in einem separaten Blogeintrag.


1.

„Alison schloss die Augen, als sie sah, wie ihr neuer Herr mit der langstieligen Peitsche ausholte. Als das Ende des geflochtenen Lederriemens in ihren Körper schnitt, wenige Zentimeter unterhalb ihrer bloßen Brust, schrie sie ihren Schmerz in den bis an den Rand des Berstens aufgeblasenen Knebel. Während sich ihre Hände um die Ketten krallten, die sie unlösbar mit der steinernen Mauer verbanden, fühlte sie, wie sie trotz des Schmerzes ein Glücksgefühl durchströmte.

Alisons Suche hatte ein

Ende.“

Miguel Hermano, seit genau zwei Wochen siebenundvierzig Jahre alt, mit kurzgeschnittenen schwarzen Haaren und einem ebensolchen Vollbart, lehnte sich zurück und schob die Tastatur des Computers bis an den Fuß des Flachbildschirms zurück. Er nahm die Brille ab und rieb sich die schmerzenden Augen. Seit dem frühen Morgen hatte er geschrieben, lediglich unterbrochen durch eine kurze Mittagspause. Wenn die Arbeit an einem Roman sich ihrem Ende zuneigte, wenn das Finale, in dem sich alle Knoten auflösten, bereits bis ins kleinste Detail feststand, vermied er jegliche Ablenkung, bis er das schöne Wort mit den vier Buchstaben niedergeschrieben hatte. [...]

Miguel nahm mit schnellen Schritten die enge Wendeltreppe, die hinunter ins Erdgeschoss führte. Das Türmchen, das nur etwa drei Meter durchmaß, war wohl nachträglich an die Nordwestecke des Hauses angeflanscht worden. Die Treppe mündete direkt ins Wohnzimmer, dem damit eine Ecke fehlte. Dafür jedoch hatte man, direkt unter Miguels kleinem Büro, einen zusätzlichen Raum gewonnen, der größtenteils durch einen runden Tisch ausgefüllt wurde, den sechs hohe, hölzerne Stühle umstanden.

„María!“

Miguel durchquerte das vierzig Quadratmeter messende Wohnzimmer, das beinahe die komplette Westhälfte des Grundrisses in Anspruch nahm, und betrat durch die in der entgegengesetzten Ecke liegende Tür – eine von zweien, die andere führte auf den Flur – die Kombination aus Küche und Esszimmer.

„María!“

Diesmal klang Miguels Stimme bereits ungeduldiger. Seine Frau und er pflegten jeweils nach Abschluss eines Romans in Pepes Restaurant in Torelló zu feiern, und wie er seine Frau kannte, würden zwei Stunden für sie kaum Zeit genug sein, sich dafür fertigzumachen. Noch dazu an einem Samstagabend.

Miguel passierte die andere Küchentür und stand nun auf dem breiten Flur.

„María!“

Keine Antwort.

War sie vielleicht kurz weggefahren, um etwas einzukaufen? Miguel öffnete die schwere, hölzerne Haustür, in die in Brusthöhe eine Scheibe aus vielfach geschliffenem Glas eingelassen war. Er ging die drei Stufen hinab, die ihn auf den gepflasterten Vorplatz führten, und betrat die Doppelgarage durch die Seitentür.

Sowohl Marías roter BMW als auch sein nur drei Monate alter, stahlblauer Audi standen unberührt da, Seite an Seite.

Wo, zum Teufel, steckte María? Machte sie vielleicht einen Spaziergang? Wenig wahrscheinlich, um diese Uhrzeit ...

Er verließ die Garage wieder und wandte sich in Richtung des Gartentors, das der Haustür gegenüberlag. Er hatte es noch nicht erreicht, als er bereits das Heck von Cristinas silbergrauem Mercedes erkannte, der in der Einfahrt parkte. Unwillkürlich lachte er auf. Er war so in seine Arbeit vertieft gewesen, dass er die Ankunft von Marías „Wochenendsklavin“ überhaupt nicht bemerkt hatte. Nun war auch klar, wo seine Frau steckte und warum sie ihn nicht gehört hatte!

Sekunden später befand er sich im Keller des Hauses. Treffer! Neben der Treppe lagen, säuberlich zusammengefaltet auf einem alten Stuhl, Cristinas Kleider, darunter ein Paar weißer Schuhe, Größe 37, mit hohen Absätzen. Zwei Schritte brachten Miguel zu der schweren, eisernen Tür, die in das „Spielzimmer“ führte. Er öffnete sie und das Erste, was er im spärlichen Licht der kleinen, mit Milchglasscheiben versehenen Kellerfenster sah, war Cristina – splitternackt an allen vieren von der Decke hängend. Der Stahl des Keuschheitspiercings, das ihre sauber ausrasierte Schamgegend versperrte, blitzte Miguel an. Cristinas Kopf war zum größten Teil von einer schweren, ledernen Knebelmaske bedeckt, deren Augenklappen jedoch offen standen.

Die junge Frau – mit ihren zweiunddreißig Jahren immerhin anderthalb Jahrzehnte jünger als Miguel und immer noch zehn Jahre jünger als María – blickte ihn flehend an. Sie versuchte, etwas zu sagen, doch der in die Maske eingearbeitete Ballknebel erstickte ihre Worte.

„María?“

Doch außer der hängenden Frau befand sich niemand in dem großen Raum. Das war seltsam, dachte Miguel, denn es war nicht Marías Art, eine geknebelte Sklavin längere Zeit allein zu lassen.

Er trat zu Cristina hin. Ein Speichelfaden hing unter dem Knebel hervor; die Flüssigkeit hatte eine kleine Pfütze auf dem Parkettboden gebildet. Noch zögerte er, der Sklavin die Maske abzunehmen, denn seine Frau hasste nichts so sehr wie einen fremden Eingriff in eine ihrer „Bestrafungen“. Doch dann gab er sich einen Ruck. Es war klar, dass Cristina ihm etwas sagen wollte, und in Anbetracht der Tatsache, dass María nirgends aufzutreiben war, konnte es wichtig sein. Er öffnete den Schnallenverschluss auf der Rückseite ihres Kopfes und entfernte dann die Maske. Cristinas langes, schwarzes Haar fiel herab. Sie schluckte schwer und leckte sich die Lippen. Sie machte einen erschöpften Eindruck.

„Wasser!“, flüsterte sie.

Miguel ging in den kleinen, durch Plexiglaswände abgegrenzten Duschraum in einer Ecke des langgestreckten „Spielzimmers“ und füllte dort ein kleines Schälchen. Während Cristina, nach wie vor an Händen und Füßen hängend, gierig trank, musterte er ihren nackten Körper. Mit 1,65 Metern besaß sie eine für eine Spanierin durchschnittliche Größe. Ihre Brüste waren wohlgeformt, aber etwas zu klein. Helle Stellen an den Ober- und Unterseiten ihrer Warzenhöfe zeugten von häufiger Anwendung von Klammern – möglicherweise, dachte Miguel, hing Cristinas Vorliebe für Brusttorturen mit der unterdurchschnittlichen Größe ihrer Brüste zusammen. Knapp unterhalb des Ansatzes ihrer linken Brust befand sich eine dünne, etwa anderthalb Zentimeter lange Narbe, wie von einem Messerstich. Miguel wusste, dass sie auf der linken Pobacke eine ähnliche Narbe besaß. Woher die Narben stammten, war ihm nicht bekannt; Cristina hatte sie bereits gehabt, als sie María und ihm zum ersten Mal begegnet war. Miguel war kein übermäßig neugieriger Mensch, und so hatte er die Sklavin nicht danach gefragt; möglicherweise wusste es María.

Miguels Blickte glitten weiter, über den flachen, hellen Bauch hinunter zu dem, was sich zwischen den weit gespreizten Beinen befand. Auch das stählerne Keuschheitspiercing hatte sie schon „mitgebracht“; sie hatten das Schloss gewaltsam öffnen und durch ein neues ersetzen müssen, dessen Schlüssel María wohlverwahrte. Das Piercing war einfach, aber effektiv: Es bestand aus jeweils vier in die äußeren Schamlippen eingelassenen Stahlringen mit einer Stärke von drei Millimetern. Von oben durch diese acht Ringe war ein T-förmiges Stahlstück geführt worden, an dessen unterem Ende sich ein kleines Loch befand, und in diesem Loch steckte der Bügel des Schlosses – eines handelsüblichen Vorhängeschlosses –, so dass der Stahlstift nicht mehr entfernt werden konnte, ohne das Schloss zu öffnen. Damit konnte an dieser Stelle, solange das Piercing verschlossen war, nichts in Cristinas Körper eindringen, das dicker als ein Bleistift oder allenfalls ein Kugelschreiber war. María war, als sie es zum ersten Mal gesehen hatte, begeistert von dem Piercing gewesen, wenn es sie später auch zunehmend störte, dass es ihrer „Wochenendsklavin“ nicht die Möglichkeit nahm, sich selbst zu befriedigen.

Cristina hustete, und etwas von dem Wasser tropfte auf den Boden. Miguel stellte die Schüssel ab.

„Wo ist María?“, fragte er.

Cristina schüttelte den Kopf. „Weiß nicht“, krächzte sie. „Bitte, Herr, lassen Sie mich herunter!“

Selbstverständlich musste sie María als „Herrin“ und ihn als „Herrn“ titulieren. Miguel war das nicht so wichtig, aber seine Frau bestand darauf und ahndete jeden Verstoß gegen diese Regel gnadenlos – aber natürlich nicht nur gegen diese.

„Wie lange hängst du hier schon so?“, wollte er wissen.

„Seit dem Mittag. Bitte, Herr!“, flehte sie. „Ich muss ganz dringend auf die Toilette!“

„Vielleicht später“, antwortete er. Gedankenverloren legte er seine Hand auf ihren Bauch. Seit heute Mittag? Das sah María gar nicht ähnlich! Aber noch immer zögerte er, Cristina herunterzulassen. Wenn María feststellte, dass er „ihre“ Sklavin befreit hatte, würde der Rest des Abends in eisigem Schweigen erstarren, und Miguel fürchtete Marías Schweigen – das bockige Schweigen eines verwöhnten Kindes, dem nicht alles nach seinem Willen ging – mehr als alles andere.

Miguel beschloss, noch einmal nach seiner Frau zu suchen. Wenn er sie diesmal nicht fand, konnte er sie immer noch auf ihrem Handy anrufen. Er kniff Cristina in ihre rechte Brustwarze, was ihr einen erschrockenen Schrei entlockte, dann wandte er sich ab. Er hörte noch ein flehendes „Bitte, Herr!“, kurz bevor sich die eiserne Tür hinter ihm schloss.

Er hastete in den ersten Stock, wo sich das Schlafzimmer mit dem angrenzenden großen Bad befand, doch auch hier konnte er seine Frau nicht finden.

Miguel kehrte ins Erdgeschoss zurück. Im Wohnzimmer öffnete er zunächst eine der beiden Türen, die auf die große Terrasse hinausführten, und tat auch einige Schritte in den durch hohe Hecken begrenzten Garten.

Niemand da.

Die Küche: leer. Das Gästebad und der angrenzende Hauswirtschaftsraum ebenso.

Schließlich verließ er das Haus und ging den sechzig Meter langen Zufahrtsweg entlang bis zu der Stelle, wo dieser in die Staubstraße einmündete, die Torelló mit Sant Pere de Torelló verband.

Keine Spur von María!

Allmählich drang die Erkenntnis, dass etwas Ungewöhnliches geschehen sein musste, zu den bewussten Schichten seines Denkens durch. Er hastete zurück zum Haus in der festen Absicht, Marías Handy anzuklingeln. Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, fiel sein Blick auf die kleine Flurkommode unter dem Spiegel. Dort, wo sonst Marías Handtasche griffbereit stand, lag lediglich ein großformatiger Briefumschlag.

Miguel bliebt abrupt stehen. Die Handtasche fehlte – also war sie doch weggegangen! Aber einen Spaziergang mit Handtasche hatte sie noch niemals unternommen, und bis zur nächsten Ortschaft waren es immerhin vier Kilometer. Spaziergang hin oder her; solche Entfernungen pflegte sie grundsätzlich nur mit dem Wagen zurückzulegen.

Er wollte bereits in das Wohnzimmer eilen, wo eines der beiden Telefone stand – das andere befand sich in seinem Büro neben dem Computer –, als er mehr zufällig die geschwungene Handschrift auf dem Kuvert sah.

Eine unbekannte Handschrift.

In großen, fast kalligraphischen Buchstaben standen nur zwei Worte darauf: Sr. Hermano.
Miguel stand reglos im Flur, die Blicke auf den Umschlag gerichtet. Plötzlich schienen die vielfältigen Geräusche der frühsommerlichen Natur, die das Haus umgab, zu verstummen. In Miguels Gehirn entstand ein Spiegelbild der Szene, die er gerade erlebte – ein Déjà-vu-Erlebnis. Für die Dauer eines Blitzschlags wusste er, was er im nächsten Moment tun würde, wusste er, was das Kuvert enthielt.

Dann war der Augenblick vorbei.

Endlich, widerstrebend beinahe, schüttelte er seine Benommenheit ab und streckte eine Hand nach dem Brief aus. Er fühlte sich leicht an, konnte kaum mehr als eine Handvoll Blätter Papier enthalten. Von seinem Namen abgesehen war das braune Geschäftskuvert sowohl auf der Vorder- als auch auf der Rückseite völlig unbeschriftet; Briefmarke und Poststempel fehlten ebenso.

Der Umschlag war verschlossen.

Plötzlich fand sich Miguel in der Küche wieder, wo er den Brief mit der Hilfe eines Messers öffnete. Eine fahrige Bewegung bewirkte, dass ein Stück weißen Kartons herausflatterte und zu Boden fiel. Mit zitternden Händen hob Miguel ihn auf; erst beim zweiten Versuch konnte er ihn greifen.

Er drehte ihn um.

Es war ein Polaroidbild, möglicherweise von einer Wegwerfkamera aufgenommen.

Und es zeigte María.

Genauer: Marías nackten Oberkörper mit vor dem Bauch über Kreuz gefesselten Armen. In ihrem Mund steckte ein Knebel – nicht ein Tuch oder etwas Ähnliches, wie man es meist im Fernsehen sah und wie es niemanden ernsthaft am Schreien hindern würde, sondern ein Knebel aus schwarzem Gummi oder Leder, wie man ihn in Sexshops kaufen konnte (und wie es mehrere im „Spielzimmer“ gab) – und ihre dunklen Augen sahen ihn entsetzt an. Die brünetten, gelockten Haare machten einen zerzausten Eindruck.

Wie in Trance ging Miguel zu dem aufgeräumten Esstisch und setzte sich. Er legte das Bild auf die polierte, hölzerne Platte und entnahm dem Umschlag dann den restlichen Inhalt. Es handelte sich um vier ungefaltete Blätter – einen dreiseitigen Brief, offensichtlich mit dem Computer geschrieben und auf einem Laserdrucker ausgedruckt, sowie ein Blatt mit etwas, das wie eine Grund- und Aufrissskizze eines alten Turms aussah.

Miguel las zunächst den Brief:

Sehr geehrter Sr. Hermano,

wie Sie beiliegender, heute Nachmittag entstandener Fotografie sicher unschwer entnehmen können, befindet sich Ihre Frau in meiner Gewalt. Nein, nein, keine Sorge – es wird ihr nichts geschehen, vorausgesetzt natürlich, Sie verhalten sich kooperativ! Ihre Frau tut es jedenfalls, wie Sie aus untenstehendem Satz ersehen; es bleibt ihr auch in ihrer derzeitigen Lage – deren Dauer ausschließlich von Ihnen abhängt, werter Sr. Hermano – nichts anderes übrig.


[Ende der Leseprobe.]

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