Mittwoch, 30. März 2011

Leseprobe »Sklavenjagd«

Hier eine Leseprobe meines aktuellen Romans »Sklavenjagd« mit Fotos vom Originalschauplatz (Aufnahmen des Autors). Es handelt sich um das leicht gestraffte erste Kapitel des Romans. (Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Marterpfahl-Verlags.)


1.

Wie ein riesenhafter, zernarbter Silberbarren, ebenso mächtiges wie drohendes Relikt aus einer Zeit vor den Menschen, lag das langgestreckte Felsmassiv von El Torcal vor Dolores Muñoz Carrasco. Das weder durch Wolken noch durch Dunstschleier getrübte Licht des Vollmonds brachte den von Spalten durchzogenen Kalkblock zum Glänzen; einen Teil dieses Lichts strahlte der Gebirgszug zurück auf die ihn umgebende, vom Mondlicht geflutete Ebene und linderte damit die Härte der Schatten. [...]



Sie hatte nun beinahe den Rand des Massivs erreicht; die Steigung und die Enge der Kurven nahmen merklich zu. Links erhob sich ein steiler, von einer Armee bizarrer Felsbrocken besetzter Hang bis an den Fuß des Kalkmassivs, das riffartig emporragte; Schattenkrieger, die sich im Zusammenspiel von Mond- und Scheinwerferlicht drohend auf die Straße zuzubewegen schienen. Rechts fiel der Hang sogar noch steiler ab. Dolores zögerte dennoch, in den zweiten Gang hinunterzuschalten; zum einen beugte sich die Kupplung des elf Jahre alten Citroën Saxo täglich widerwilliger ihrem linken Fuß, und zum anderen wollte sie ihr Ziel so schnell wie möglich erreichen. Sie hatte keine Lust, beinahe die halbe Nacht hinter dem Lenkrad zu verbringen, nicht nach diesem Tag. [...]

War da nicht etwas?



Ein kurzes, metallisches Blinken rechts der Straße, vielleicht zwanzig oder dreißig Meter vor ihr, hatte Dolores aus ihren Gedanken geschreckt. Oder war es nur eine optische Täuschung gewesen, die Reflexion des Scheinwerferlichts an einem Einschluss im Fels?

Sie nahm den Fuß vom Gaspedal und starrte angestrengt in Richtung der Stelle, an der sie etwas gesehen zu haben glaubte. In diesem Augenblick materialisierte ein Schemen unmittelbar vor dem Saxo, von links kommend, lichtlos vor dem Hintergrund der geisterhaft bleichen Felsblöcke. Etwas wie ein Gesicht blitzte kurz auf, Dolores zugewandt und zu einer Maske fassungslosen Erstaunens versteinert. Dann erbebte der Kleinwagen unter einem Stoß, der Dolores in den Sicherheitsgurt schleuderte, und der Schemen war plötzlich wieder verschwunden.

Instinktiv sprang Dolores auf die Bremse und brachte den bockenden Wagen mit quietschenden Reifen innerhalb weniger Meter zum Stehen. Der Motor starb ab, doch sie hörte es nicht, da das Blut in ihren Ohren toste wie ein unversehens entstandener Geysir und sie ihren Herzschlag in jeder einzelnen Ader zu spüren schien. Für Augenblicke verschmolzen Licht und Schatten vor ihr zu rotierenden Feuerbällen, die ihr die Sicht raubten.

Das war ein Mensch! Du hast einen Menschen überfahren!

Zitternd und zu keinem klaren Gedanken außer diesem einen fähig, saß sie da und starrte in die Farbkaskaden, die erst allmählich wieder zu Konturen und Formen kondensierten. Der Lichtbogen des Scheinwerfers – nur der rechte funktionierte noch – erfasste einen einsamen Schuh, der einen grotesken, langgestreckten Schatten warf, tastete sich weiter bis zu einem Fuß, der in einem unmöglichen Winkel abgeknickt war, und umfloss schließlich den dazugehörenden Torso, vier oder fünf Meter vor dem Wagen. Die Wucht des Aufpralls musste ihn dorthin geschleudert haben.

Das ist nicht wahr, ist nicht passiert! Das kann nicht passiert sein! Nicht hier, nicht um diese Zeit ...

Wieder und wieder kreiste dieser Gedanke durch ihr Gehirn, wie eine Beschwörungsformel, ein Mantra, das Dämonen fernhalten sollte.

Doch den Dämon der Wahrheit kann auf Dauer niemand bannen.

Nur langsam setzte sich diese Erkenntnis in ihr durch – dass nämlich das, was soeben geschehen war, nicht Teil eines Albtraums, sondern erbarmungslose Realität war. Dass sie nach acht Jahren, in denen sie nicht einmal einen Blechschaden gehabt hatte – in einer Stadt wie Málaga beinahe ein Wunder –, nun einen Menschen überfahren und vielleicht getötet hatte!

Ein kalter Windstoß traf die linke Hälfte ihres Gesichts und stob durch ihre braunen Locken. Erst da wurde sie sich bewusst, dass sie die Tür des Saxo geöffnet hatte. Langsam und mit ungelenken Bewegungen, als sträube sich ihr Körper gegen das Vorhaben ihres Geistes, stieg sie aus. Der Wind schien hier, am Rande des Felsenlabyrinths, aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen, schien lebendig, aber körperlos zu sein, wie etwas unfassbar Böses, das sie umkreiste und somit gefangen setzte. Eine Gänsehaut, die nicht nur der überraschenden Kälte der Luft geschuldet war, bildete sich auf ihrem Nacken, ihren Schultern und den bloßen Unterarmen.



Dolores atmete tief ein und wieder aus, zwei-, dreimal, bis der frische Sauerstoff ihr Denken klärte. Dann stakste sie auf den dunklen Schemen vor ihr zu. Der Mann – es war tatsächlich ein Mann, ganz in Schwarz gekleidet, zu allem Überfluss – lag der Länge nach am Rand der Straße, den Kopf im Gras der Böschung, so, wie er durch den mörderischen Aufprall hingeschleudert worden war. Dolores konnte keinerlei Bewegung wahrnehmen; ihre schlimmsten Befürchtungen schienen sich also zu bestätigen.

Wenn er nur anderthalb Meter weiter geflogen wäre, schoss es ihr durch den Kopf, während sie sich ihm näherte, wäre er wahrscheinlich hundert Meter oder mehr den Abhang hinuntergerollt. Vielleicht würde man ihn dann niemals finden – niemand würde etwas erfahren ...

Sie erschrak so sehr über ihre eigenen Gedanken, dass sie unwillkürlich stehen blieb. War das wirklich sie selbst gewesen, die solche Überlegungen angestellt hatte? Dolores Muñoz Carrasco, die niemals in ihrem Leben jemandem etwas zuleide getan hatte, zumindest nicht bewusst? Die bis vor einem Jahr zu zittern begonnen hatte, wenn sie die Tür ihrer Wohnung oder ihres engen Büros öffnete, um sich hinaus in eine feindliche, offene Welt zu wagen? Die mit gnadenloser Regelmäßigkeit von Panikattacken heimgesucht worden war beim Überqueren von Plätzen, breiten Straßen und sogar in großen Supermärkten?

Sie setzte sich wieder in Bewegung, noch langsamer als zuvor; die Angst vor dem Anblick, der sie möglicherweise erwartete, schien die Luft um sie herum in eine zähe Flüssigkeit verwandelt zu haben, in der jeder Schritt unsägliche Anstrengung kostete. Sogar der Wind hatte sich nun gewendet und stellte sich gegen sie; er wehte mit einem Mal so stark, dass er ihr den Atem raubte und sie den Kopf zur Seite drehen musste.

Dann hatte sie den Mann erreicht und beugte sich zu ihm nieder. Sein Gesicht war keine blutige Masse, wie sie befürchtet hatte – es war überhaupt kein Blut zu sehen, jedenfalls nicht auf jener Hälfte des Kopfes, die in ihrem Blickfeld lag. Es war ein junger Mann, etwa in Dolores’ eigenem Alter, fünfundzwanzig bis höchstens dreißig Jahre, schätzte sie. Er hatte kurz geschnittene, weißblonde Haare – eine Art Crewcut. Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen, natürlich, und den Zügen nach handelte es sich um keinen Spanier. Ein Tourist? Natürlich gab es viele Touristen um diese Jahreszeit, Ende Mai, und an diesem Ort, aber mitten in der Nacht? Und zu Fuß? Er musste den steilen Abhang links der Straße heruntergelaufen sein, quer durch das Felsengewirr, was schon bei Tageslicht eine Herausforderung sondergleichen darstellte. Als er auf die Straße getroffen war, möglicherweise überraschend, hatte er seinen Schwung nicht mehr bremsen können und war von ihrem Wagen erfasst worden.

Ein Unfall!, redete sie sich ein. Es war nicht mehr als ein Unfall! Du konntest nichts dafür!

Aber du bist zu schnell gefahren!, gab ein anderer Teil ihres Bewusstseins zu bedenken. Viel zu schnell für diese Straße, noch dazu in der Nacht, Vollmond hin oder her!

Ihr Blick irrte zurück, zu dem einsamen Schuh, den er bei dem Zusammenprall verloren hatte. Eine Art Sportschuh, jedoch nicht weiß, sondern ebenso schwarz wie Socken, Hose und Hemd.

Beinahe so, als wollte er nicht gesehen werden!

Wenn das tatsächlich seine Absicht gewesen war, dann hatte er damit jedenfalls mehr Erfolg gehabt, als ihm – und Dolores – lieb sein konnte.

Ein Laut riss sie aus ihren fiebrigen Gedanken, den sie zunächst nicht einordnen konnte. Es klang, als seufze nun sogar der Wind und betrauere das Schicksal, das Dolores und den schwarzgekleideten Fremden hier und jetzt zusammengeführt hatte.

Der Seufzer wiederholte sich, lauter diesmal, und Dolores fuhr herum. In ihren weit aufgerissenen blauen Augen spiegelte sich Erkenntnis.

Der Mann lebte noch!

Im grellen Licht des Scheinwerfers sah sie, wie sich ein Bein leicht bewegte – nicht dasjenige, das so unnatürlich abgewinkelt war –, dann ein Arm. Der Kopf wandte sich zur Seite, Millimeter nur, und dann schlug der Fremde die Augen auf. Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder, öffnete ihn abermals, doch kein Laut drang heraus. Erst jetzt bemerkte Dolores den kurzen Kinnbart, ebenso weißblond wie das Haar.

Dolores kniete neben ihm nieder. Ihre Hände zuckten vor – und wieder zurück; es war vielleicht keine gute Idee, seine Lage zu ändern, nicht einmal die seines Kopfes, da sie nicht wusste, welche Verletzungen er davongetragen hatte. Eine Woge der Hilflosigkeit erfasste sie. Ihr einziger Erste-Hilfe-Kurs lag acht Jahre zurück und alles, was ihr davon im Gedächtnis haften geblieben war, war die Mund-zu-Mund-Beatmung. Doch die schien hier nicht nötig zu sein.

»Es wird alles wieder gut«, flüsterte sie in, wie sie hoffte, beruhigendem Tonfall. »Ich hole Hilfe! Es wird alles wieder gut ...«

Die Unsinnigkeit dieser Worte wurde ihr bewusst, kaum dass sie sie ausgesprochen hatte, doch was hätte sie anderes sagen sollen? »Ich hole Hilfe!«, versprach sie abermals und erhob sich, um zum Wagen zurückzulaufen. Wenn er überlebte, würde vielleicht wirklich alles wieder gut – auch für sie selbst. Dann wäre es keine fahrlässige Tötung mehr, dessen sie sich schuldig gemacht hatte, und möglicherweise würde der Mann bezeugen, dass sie nichts hätte tun können, um diesen Unfall zu vermeiden!

Hoffentlich hat sich der Akku des Handys wenigstens etwas wieder erholt!, betete sie, während sie sich ins Auto schwang, ihre Handtasche vom Beifahrersitz riss und ihr das Mobiltelefon entnahm. Mit aller Gewalt presste sie den Daumen auf den Einschaltknopf.

Nichts geschah.

In einer Mischung aus Wut und Panik warf sie das Telefon in den Fußraum des Beifahrers. Sie stolperte zurück auf die Straße, dann hielt sie unschlüssig inne. Was sollte sie jetzt tun? Was konnte sie tun?

Während sie fieberhaft überlegte, blitzte plötzlich rechts der Straße etwas im Scheinwerferlicht auf – etwa an jener Stelle, wo Dolores ein ähnliches Blinken wahrgenommen hatte, Sekundenbruchteile bevor der Schwarzgekleidete ihr ins Auto gelaufen war.

Doch diesmal blieb es nicht bei einem einsamen Aufblitzen.

Aus der Dunkelheit des Abhangs sprang eine Gestalt in das kalte, unbestechliche Licht des Scheinwerfers, deren Anblick Dolores den Atem stocken ließ. Da sie völlig nackt war, war sie unschwer als Frau zu erkennen – nackt, korrigierte sich Dolores im nächsten Augenblick, bis auf ein Paar ebensolcher schwarzer Sportschuhe, wie sie der Mann getragen hatte. Sie schien jünger zu sein als Dolores, höchstens fünfundzwanzig, obwohl man das nicht mit Sicherheit feststellen konnte, da ihr von halblangen blonden Haaren umrahmtes Gesicht von Schweiß und Anstrengung verzerrt war. Sie war schlank und hochgewachsen, Arme und Beine erschienen muskulös – ungewöhnlich muskulös für eine Frau, fand Dolores. Ihr ganzer Körper glänzte vor Schweiß und war außerdem übersät von Schmutzspuren, kleineren und größeren dunklen Flecken sowie langen, blutigen Kratzern, als hätte sie sich durch ein Dornengestrüpp gezwängt. Ihre Brüste waren voll, aber nicht zu groß, und ihre rotbraunen Brustwarzen standen, gereizt von der Kälte des Windes, so weit ab, dass sie auf den Kalkblock neben ihr einen spitzen Schatten warfen. Als sie den Kopf ein wenig zur Seite wandte, konnte Dolores eine Art Schmuckanhänger an ihrem rechten Ohr erkennen.

Die Frau stand nun breitbeinig am Rand der Straße, keinen Meter vom Kopf des Unfallopfers entfernt. Der dünne, blonde Flaum zwischen ihren Beinen wurde vom Scheinwerferlicht mühelos durchdrungen, so dass Dolores die Furche ihres Geschlechts deutlich erkennen konnte – und der Mann, der trotz seiner Verletzungen und damit gewiss verbundener Schmerzen unwillkürlich aufgeblickt hatte, ebenso. Dolores sah, wie sich sein Gesicht vor Schreck oder gar Angst verzerrte, eine Reaktion, die sie verblüffte – beinahe mehr noch als das unvermittelte Auftauchen der Nackten. Dann hob diese beide Arme, und erst jetzt bemerkte Dolores die höchstens einen halben Meter lange stählerne Kette, die die Handgelenke der Frau miteinander verband. In der Mitte dieser Kette war eine Eisenkugel angebracht, sechs oder sieben Zentimeter durchmessend und schwer aussehend.

Und diese Eisenkugel ließ sie nun mit voller Wucht auf den Schädel des Mannes hinuntersausen, dem nicht einmal mehr Zeit zu einer abwehrenden Bewegung blieb.

»Es war die dritte Jagd!«, schrie sie, und ihre Stimme überschlug sich dabei. Namenlose Erleichterung schwang in dieser Stimme mit, und noch etwas anderes – Triumph, erkannte Dolores, die dem Vorgang, von Überraschung und Entsetzen zur Reglosigkeit verdammt, zusehen musste.

»Es war die dritte Jagd!«, wiederholte die Nackte, und ein weiteres Mal sauste die tödliche Waffe auf den Schädel des Schwarzgekleideten hinab, der bereits beim ersten Treffer wie eine überreife Frucht geplatzt war und seinen blutigen Inhalt auf den Asphalt, das Gras und die Beine der Frau verspritzt hatte. Beim zweiten Einschlag zuckte sein Körper nicht einmal mehr.

Noch zweimal wiederholte sich der grausige Vorgang, dann endlich schien die Frau, deren Gesicht zu einer Fratze höllischen Triumphs verzerrt war, erkannt zu haben, dass sie nur noch einen Toten schändete. Langsam richtete sie sich auf; ihr Blick irrlichterte umher. Erst jetzt wurde sie sich der Anwesenheit eines anderen Menschen gewahr; sie sah Dolores an, nicht verwundert oder gar erschrocken, sondern gelassen – so, als spiele es überhaupt keine Rolle, dass es eine Zeugin gab für das, was sie soeben getan hatte. Sie legte den Kopf ein wenig schief, wie ein Hund, der versucht, einen ihm unbekannten Menschen einzuschätzen.

»Es war die dritte Jagd«, sagte sie abermals, diesmal ruhig, beinahe emotionslos, und es klang wie die Antwort auf eine unausgesprochene Frage. Als würden diese fünf Worte alles erklären.

Dann stieg sie über den Leichnam und ging die Straße hinunter, in Richtung Málaga, ohne ihr Opfer oder Dolores eines weiteren Blickes zu würdigen. Mit jedem Schritt wurde sie schneller, bis sie schließlich rannte. Dolores erhaschte einen kurzen Blick auf ihren Rücken, der von mehreren annähernd parallel verlaufenden dunklen Striemen gezeichnet war. Im nächsten Augenblick bereits hatte sie die Kurve passiert und war außer Sicht. Ein Schrei ertönte, der sich an den Kalkfelsen brach, von ihnen zurückgeworfen und dabei vielfach verstärkt wurde – ein Urschrei, in dem der Triumph eines Steinzeitmenschen über den Sieg über ein Beutetier ebenso lag wie die Erleichterung eines jahrelang gequälten Gefangenen über den Tod seines Peinigers. Als sich das Echo endlich verloren hatte, vernahm Dolores nur noch das rasch verklingende Klirren der Kette.

Ihr ungläubiger Blick wanderte zurück zu der Leiche des schwarzgekleideten Mannes. Nur sie und frische, blutige Fußspuren legten Zeugnis von dem Albtraum ab, der sich hier, vor ihren eigenen Augen, abgespielt hatte.

Und plötzlich erfasste sie ein Schwindelgefühl und sie spürte eine Art geistiges Ziehen – etwas, das sie schon seit über einem Jahr nicht mehr gefühlt hatte, seit ihrer Therapie, und das niemals wieder fühlen zu müssen sie so sehr gehofft hatte. Ihr schien, als stürze sie in die Unendlichkeit, als werde sie rasend schnell kleiner, bis sie nur noch einen winzigen Punkt in einem endlosen Kosmos bildete – etwa so, wie wenn in einem Film die Kamera zunächst unmittelbar über dem Hauptdarsteller ruht, dann jedoch mit der Geschwindigkeit eines Düsenjägers nach oben schießt und dabei immer mehr von dessen Umgebung ins Bildfeld bringt, bis schließlich der ganze Erdball sichtbar ist. Eine Einstellung, die stets unendliche Einsamkeit symbolisiert.

Und unendlich einsam fühlte sich Dolores auf jener Straße in den Bergen, zwischen ihrem Wagen und der schrecklich zugerichteten Leiche des Mannes, den sie angefahren hatte, der jedoch nicht durch diesen Unfall gestorben war. Ohne es zu bemerken, war sie in die Knie gesunken und hatte die Hände an den Kopf gepresst. Sie wollte nichts mehr sehen, nichts mehr hören, nichts mehr fühlen. Ein Ring schien sich um ihre Brust zu schließen, stählern wie die tödliche Kette der Nackten, und sich immer enger zusammenzudrücken. Sie versuchte zu atmen, doch jeglicher Sauerstoff schien aus der Atmosphäre gewichen zu sein. Sie zitterte am ganzen Leib, bis ihre Füße sie nicht mehr trugen und Dolores’ Körper nach vorn kippte. Der Schmerz in ihren nackten Knien, die sich in den mit kleinen Steinchen übersäten Asphalt bohrten, drang endlich bis zu ihrem Bewusstsein durch und schlug eine brüchige Brücke zurück in die Realität.

Jetzt ist der Zeitpunkt anzuwenden, was du damals gelernt hast!, wisperte eine Stimme in ihrem Gehirn. Du musst die Attacke kontern – du kannst es tun!

Unter Aufbietung all ihrer geistigen Kraft zwang sie sich, langsam und tief einzuatmen. Sie fühlte frischen Sauerstoff in den Lungen, merkte, wie das Leben in sie zurückströmte. Ebenso langsam atmete sie wieder aus, dann zählte sie in Gedanken so bedächtig wie möglich bis sechs, bevor sie erneut einatmete. Sie wiederholte den ganzen Vorgang mehr als zehnmal, bis sie endlich spürte, dass sich ihr Geist ebenso wie ihr Körper entkrampfte. Dennoch dauerte es weitere Minuten, bis sie in der Lage war, die Hände vom Kopf zu nehmen und sich zu erheben. Abrupt wandte sie sich zu ihrem Wagen um, blickte mit voller Absicht in das grelle Licht des Scheinwerfers, um nicht ein weiteres Mal den hingestreckten Leichnam sehen zu müssen, und wankte auf den Saxo zu. Sie ließ sich in den Sitz fallen und warf die Fahrertür zu, verschwendete jedoch keinen Gedanken an den Sicherheitsgurt. Als sie den Schlüssel im Schloss herumdrehte, befürchtete sie eine unendliche Sekunde lang, der Motor springe nicht mehr an, aber dann tat er es doch. Angstvoll lauschte sie auf das Geräusch – klopfte da nicht etwas? Nein, das war wohl nur ihr Herzschlag ...

Sie setzte einige Meter zurück – Bloß nicht noch einmal über ihn drüberfahren! –, schlug das Lenkrad ein und fuhr in einem so weiten Bogen, wie es die Enge der Kurve zuließ, um den Toten herum. Im zweiten Gang kletterte der Saxo weiter den Berg hinauf, bis er weniger als hundert Meter später den Pass erreichte. Von hier an führte die Straße stetig abwärts, bis sie in etwa zehn Kilometern Antequera erreichen würde.

Die Polizei! Ich muss den Unfall der Polizei melden!, hämmerte es in ihrem Gehirn.

Doch dann schlich sich ein anderer Gedanke in ihre Überlegungen, leise und undeutlich zunächst, doch bald schwoll er an, bis er alles andere verdrängte.

Was wird die Polizei wohl zu diesem Unfall sagen? Ein schwarzgekleideter Fußgänger, der jemandem mitten in der Nacht auf einer halsbrecherischen Bergstrecke ins Auto läuft, ist eine Sache – was mit seinem Kopf geschehen ist, jedoch eine völlig andere!
Sie würden Fragen stellen, bohrende Fragen, und es war mehr als zweifelhaft, ob sie Dolores die Geschichte mit der nackten Frau mit den gefesselten Händen abnehmen würden, die gleichsam aus dem Nichts aufgetaucht und nach vollbrachter Untat wieder darin verschwunden war. Nie im Leben würde ihr jemand das glauben! Sie würden im Gegenteil zu einem völlig anderen Schluss kommen: Sie würden behaupten, sie, Dolores, habe den Mann nach dem Unfall, als sie erkannte, dass er noch lebte und sie somit verraten könne, mit einem stumpfen Gegenstand den Schädel eingeschlagen, in einer Art Panikreaktion. Die Tatwaffe – was auch immer – habe sie dann irgendwo in das Felsengewirr geworfen, wo man sie hundert Jahre lang erfolglos suchen konnte.

Aber wenn es so wäre, warum habe ich dann den Unfall gemeldet?, würde Dolores verzweifelt einwerfen.

Wegen der Leiche, würde die Antwort lauten. Leichen sind nun mal nicht so einfach zu beseitigen wie Mordwerkzeuge; sie haben die für den Mörder unangenehme Tendenz, im ungeeignetsten Augenblick wieder zum Vorschein zu kommen ...

Vielleicht wäre es also am besten, sich gar nicht erst der Polizei zu stellen? Schließlich war der Unfall mitten in der Nacht auf einer einsamen Bergstraße geschehen, ohne Zeugen, wenn man einmal von der offensichtlich unzurechnungsfähigen Frau absah, die ebenfalls kein Interesse an einer Einbeziehung der Behörden haben konnte. Hatte Dolores dort oben etwas hinterlassen, das auf sie hinwies? Bremsspuren natürlich, aber von einer Bremsspur auf einen bestimmten Wagen zu schließen, war gewiss unmöglich. Und niemand außer Jorge wusste, dass sie hier und heute entlanggefahren war ...

Der Scheinwerfer! Was ist mit dem Scheinwerfer?

Der linke Scheinwerfer war erloschen; mit einiger Wahrscheinlichkeit befanden sich Glassplitter auf der Straße. Außerdem war die Front zweifellos durch die Kollision beschädigt worden.

Was soll ich tun? Mein Gott, was soll ich nur tun?

Tränen der Verzweiflung traten in ihre Augen und ließen die Straße vor ihr verschwimmen. Sie wischte sie mit dem Handrücken weg und blinzelte, bis sich ihre Sicht wieder klärte. [...]

Das Gefälle auf Antequera zu war erheblich geringer als die Steigung vorher, da die Stadt mehr als fünfhundert Meter über dem Meeresspiegel lag. Außerdem war die Straße hier besser ausgebaut und wies weniger enge Kurven auf. Dennoch fuhr Dolores weiter im zweiten Gang; der Schock saß zu tief, als dass sie es gewagt hätte, wieder Gas zu geben. Mit nicht mehr als dreißig Stundenkilometern schlich sie dahin, während das Zyklopenauge des Scheinwerfers die Nacht teilte. Schließlich, einige Kilometer weiter, an einer Stelle, an der rechts eine ungeteerte Straße abzweigte, sah Dolores die Lichter eines geparkten Fahrzeugs. Ihr Herzschlag stockte für einen Augenblick, und sie nahm instinktiv den Fuß vom Gaspedal.

Während sich der Saxo dem anderen Wagen langsamer weiter näherte, erfasste der Scheinwerfer dessen Breitseite – ein nicht allzu großes Allradfahrzeug, lackiert in Weiß, die Tür dagegen in einer dunklen Farbe. Davor stand der Schatten eines Mannes. Es dauerte lange Sekunden, bis Dolores begriff, was sie da vor sich hatte.

Polizei! Das ist ein Wagen der Guardia Civil!

Ihre erste, instinkthafte Reaktion war, das Gaspedal durchzutreten und so schnell wie möglich davonzubrausen, doch sie konnte diesen Impuls gerade noch unterdrücken. In diesem Moment löste sich der Schatten des Mannes von dem Wagen und trat in das Scheinwerferlicht, vielleicht noch zwanzig Meter von Dolores entfernt. Sie hatte recht gehabt; er trug die dunkelgrüne Uniform der Guardia Civil, nicht jedoch die signalgelbe Warnweste, die die Verkehrspolizisten normalerweise sogar am Tag umhatten. Seine linke Hand ruhte an seinem Ohr und er bewegte die Lippen – offensichtlich telefonierte er mit jemandem.

Dann streckte er gebieterisch die Rechte aus, ohne das Mobiltelefon abzusetzen.

Ein Wirbelsturm von Gedankenfetzen erhob sich in Dolores. Immer noch keiner klaren Überlegung fähig, siegten die eintrainierten Reflexe; sie trat auf die Bremse und brachte den Wagen gehorsam zum Stehen. Sie sah, wie der Polizist das Telefon einsteckte und stattdessen eine Taschenlampe aus einer der Taschen seiner Uniform zog, doch erst als deren greller Strahl in ihre Augen, in ihr Gehirn stach, wurde sie sich dessen wirklich bewusst. Und endlich kehrte ihr Denkvermögen zurück; die Stimme der Vernunft drang, zum ersten Mal seit dem Unfall, der kaum mehr als eine Viertelstunde zurückliegen konnte, wieder zu ihrem Bewusstsein durch.

Das ist deine Chance!, wisperte sie. Nur die Wahrheit kann dich jetzt noch retten – die volle Wahrheit und nichts als die Wahrheit! Erzähle ihm, was passiert ist – und dass du vom Unfallort aus die Polizei rufen wolltest, aber nicht konntest! Zeig ihm dein Handy, dann kann er selbst sehen, dass der Akku leer ist! Und hat die nackte Frau dort oben nicht Fußspuren hinterlassen – blutige Fußspuren? Er wird leicht feststellen können, dass sie nicht von deinen Schuhen stammen – es muss also noch jemand dagewesen sein! Es wird alles gut werden!

Eine Woge der Erleichterung durchflutete sie. Sie schaltete in den Leerlauf, zog die Handbremse an und öffnete die Tür. Dann stolperte sie hinaus und auf den Polizisten zu, der nach wie vor kaum mehr als ein langgezogener Schatten war, blieb jedoch abrupt stehen, als der Strahl der Taschenlampe abermals ihr Gesicht fand und sie so stark blendete, dass sie die Augen schließen musste.

»Es ... es hat einen Unfall gegeben!«, stammelte sie. »Dort oben, kurz vor dem Pass! Ein schwarzer Mann – nein, ich meine ...«

»Ich weiß«, unterbrach sie der andere mit ruhiger Stimme. Für Dolores, die ungläubig die Augen wieder aufriss, war sein Gesicht nicht mehr als ein dunkler Umriss. Ihre Augen tränten, dennoch zwang sie sich, sie offen zu halten. Die Taschenlampe war unverändert auf ihr Gesicht gerichtet.

»Sie ... Sie wissen das?«

Wie kann das sein? Da war niemand – niemand außer mir, dem Mann und der Nackten! Und die lief in die andere Richtung davon!
»Jetzt hören Sie mir mal gut zu«, sagte der Polizist in unverändert ruhigem Tonfall, als hätte sie ihn gerade nach dem Weg oder nach der Uhrzeit gefragt. »Sie haben nichts gesehen – es ist nichts passiert! Haben Sie mich verstanden?«

Dolores glaubte, ihren Ohren nicht trauen zu können. »Nichts passiert?«, wiederholte sie ungläubig. Sie blinzelte. Der Mann musste ihre Worte falsch interpretiert haben; möglicherweise dachte er, sie wolle sich einen Scherz erlauben oder sie habe zu viel getrunken oder ...

»Es ist nichts passiert!« Diesmal klang die Stimme, beinahe körperlos hinter dem gleißenden Lichtstrahl hervordringend, eine Spur schärfer.

»Aber ich habe einen Mann überfahren! Es war ein Unfall, ich schwöre es! Doch dann kam diese Frau, die nichts anhatte und eine ...«

»Vergessen Sie das!«, herrschte sie der Polizist nun ungeduldig an. »Vergessen Sie ganz schnell alles, was Sie gesehen haben, sonst werden Sie eine sehr unangenehme Überraschung erleben! Wenn Sie es dennoch jemandem erzählen ... nun, dann wird man es so einzurichten wissen, dass es nach Fahrerflucht aussieht. Aber nicht etwa nur ein Unfall mit Fahrerflucht, sondern Unfall und Totschlag! Bis Sie dann wieder aus dem Gefängnis kommen, werden Sie eine alte Frau sein, und das wäre doch jammerschade, oder nicht? – Oder nicht?«, wiederholte er, noch lauter, drohender.

»Aber ...«

Verständnislosigkeit erfüllte Dolores, um gleich darauf von einem anderen, viel intensiveren Gefühl hinweggeschwemmt zu werden: nackter Verzweiflung. Nach all dem Entsetzen, all dem Grauen, das sie dort oben zwischen den Felsen hatte erleben müssen, nach der ersten Panikattacke seit über einem Jahr und dem namenlosen Horror ihrer eigenen Gedanken, hatte ihr der Anblick des Polizisten einen Ausweg gewiesen, hatte sie geglaubt, den schrecklichen Bildern, die sich in ihr Gehirn gebrannt hatten, dadurch entkommen zu können, dass sie sie mit jemandem teilte, die Verantwortung teilte und auf jemanden abwälzte, der es gewohnt war, Verantwortung zu übernehmen, zu tragen, zu ertragen – und nun sollte ihr diese Möglichkeit, dieser Fluchtweg vor ihr selbst genommen werden?

Das kann nicht sein! Das ist alles nicht wahr! Ich bin in einem Albtraum gefangen!

Sie fühlte Nässe auf ihren Wangen und erkannte erst da, dass sie haltlos weinte, dass ihre grenzenlose und absolute Hilflosigkeit ein Ventil hatte finden müssen. Sie wandte den Kopf, um dem Lichtspeer auszuweichen, und versuchte die Tränen wie bereits kurz zuvor auf der Fahrt mit dem Handrücken wegzuwischen, doch diesmal waren es zu viele und der Strom wollte nicht versiegen, die Not nicht enden.

Eine mitleidlose Stimme drang wie entfernter, unheilverkündender Donner an ihr Gehirn: »Fahren Sie weiter, aber denken Sie daran, was ich gesagt habe! Und vergessen Sie nicht, dass wir ja nun Ihre Autonummer kennen! Wenn Sie sprechen, werden wir Sie zu finden wissen, und dann ...«

Mit einem erstickten Aufschluchzen wandte sich Dolores ab, tastete blind nach ihrem Wagen, fühlte das Metall der Motorhaube, warm wie etwas Lebendiges, etwas real Existierendes, das ihr Halt gab. Sie fand die offen stehende Tür des Saxo, stolperte hinein und fiel kraftlos in den Sitz. Mit zitternder Hand versuchte sie den Motor zu starten, doch ein protestierendes Kreischen wies sie darauf hin, dass sie ihn nie abgeschaltet hatte. Abermals wischte sie sich die Tränen aus den Augen, und diesmal konnte sie wenigstens wieder ein bisschen sehen. Sie löste die Handbremse und legte den ersten Gang ein.

Sehr langsam fuhr sie weiter, auf Antequera zu.

[Ende des 1. Kapitels, Ende der Leseprobe]

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